Übrigens

Ich bin jetzt hier.

Machado de Assis

»He felt that there is a loose balance of good and evil, and that the art of living consists in getting the greatest good out of the greatest evil.«

Joaquim Maria Machado de Assis (1839-1908, Rio de Janeiro)

Kriminelle zum Zweiten

So ganz anders als die australischen Verbrecherfotos wirken diese Bilder, die von der englischen Polizei im 19. Jahrhundert aufgenommen wurden. Vier Monate Zwangsarbeit bekam dieser Mann für den Diebstahl zweier handzahmer Hühner.

Verbrecherbild England

via: Eines Tages

Es war einmal…

Es war einmal, setze ich an und weiss nicht mehr weiter. Es war einmal. Ein Anfang. Darauf das Nichts. Das Nichts, das ich in Lügen verstricke. Diese Krake, die mir im Nacken sitzt, die ich einlulle, bis sie so tut, als ob sie schliefe. Die Lügen, die ich auch um mich lege, mich in sie bette und die Krake vergesse.

Ich schreibe vom Anfang, wie es mal war und weiss nicht mehr weiter. Ein Anfang als Faden, der sich selbst weiterspinnt und den ich in meine Lügen verstricke. Ich habe nichts anderes. Lügen, von denen ich nicht weiss, ob sie wahr sind.

Und auf einmal ist sie wieder da, die Krake. Sie sitzt da, wo sie seit Urzeiten sass, hat die ganze Wolle von sich abgeworfen und wartet. Wartet darauf, dass ich mich rege, mich in ihren Tentakeln verstricke. Sie wartet, das ewig gleichbleibende Surren des sich selbst spinnenden Fadens und das Klappern der Stricknadeln wird unregelmässig. Die Spule läuft achternd aus. Die Krake wartet. Sie hat Zeit. Die Tentakel unbeweglich, wartend.

Es war einmal, denke ich mir und betrachte die leere Spule, wie sie da vor mir liegt, nackt in ihrer Hässlichkeit. Es war einmal eine Lüge – vielleicht auch nur etwas, das sich als Lüge tarnte. Es war einmal. Wie es da so vor mir liegt, die Krake mir im Nacken sitzt, ist auf einmal nichts mehr. Von Bedeutung.

Es war einmal ein Wort. Ein Satz. Ein Text. Der sich selbst auflöste, die Wolle abwarf und nackt da stand. Er stand da als Krake, liess mich nicht gehen und schrie: «schreib wortlos!» Ich versagte und der Text entliess mich unehrenhaft.

Nachts im Buchladen

Felicitas Hoppe

Der diesjährige Georg-Büchner-Preis geht an Felicitas Hoppe. Absolut berechtigt, wie ich finde.

«hrku, hrku, Blut ist im Schuh!»

Ein Prinz lernt auf einem Ball eine Frau kennen, flüstert ihr allerlei Versprechungen ins Ohr, sagt, sie sei seine grosse Liebe. Als die Frau wegläuft, vergisst er sogleich, wie sie aussah. Nur ein Schuh bleibt ihm.

Mit dem Schuh zieht der Prinz durchs Land und zieht ihn jeder Frau, die er antrifft, an. «Hrku, hrku, Blut ist im Schuh», gurrt die Taube unaufhörlich. Der Prinz ist blind für das Wesentliche.

Das ist die wahre Liebe, erzählt uns das Märchen.

Die einzig Wahre, seine grosse Liebe, sitzt unterdessen in der Küche und wartet. Wartet auf den Prinzen, der sie auf einem Schimmel in den Sonnenuntergang mitnehmen wird. Sie wartet und wartet, der Prinz reitet und probiert den Schuh. Die Taube ist unterdessen heiser geworden und gurrt aus letzter Kraft: «hrku, hrku, Blut ist im Schuh!»

Das Königreich ging in der Zwischenzeit an den Bruder über, der Prinz ist totgesagt.

Die Frau wartet und verbittert, nach einiger Zeit geht sie auf wie ein Ofenküchlein vor lauter Frust in der Küche.

Als der Prinz endlich, nachdem er über Wochen, ja sogar Monate, tagein, tagaus übers Land geritten war, bei seiner einzig Wahren ankommt mit vor Blut triefendem Schuh, einem abgerittenen Schimmel, der nunmehr eine Schindmähre ist, in völlig zerissenen Kleidern, passt der Schuh dem Ofenküchlein ebensowenig, weil es ja aufgegangen ist in der Küche beim Warten. Die Taube hat mittlerweile ihr Gurren gänzlich verloren. Sie krächzt. Einer Krähe glaubt keiner.

Die Frau, froh, dass da endlich einer gekommen war, heiratet, hat Kinder und glaubt, sie sei glücklich mit dem Prinzen. Nur manchmal abends, zur Zeit des Sonnenuntergangs, sitzt sie draussen auf der Bank vor dem Haus und wartet weiter auf den Einen, den Strahlenden, der sie auf dem Schimmel in den Sonnenuntergang mitnehmen wird.

Am Gletscher III: Die Lilien auf dem Felde

«Und warum sorget ihr für die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, daß auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist wie derselben eins.»
Matthäus 6, 28-29

Heute habe ich zum weissnichtwievielten Mal beim Laxness über die Lilien auf dem Felde gelesen und musste plötzlich an mein Grundstudium denken, als ich Altenglisch lernen musste. Wir sassen – dreissig Leute, lauter Anglisten, die Sprachgeschichte blöd fanden und ich die Sprachhistorikerin – in diesem Seminarraum und wussten nichts recht mit uns anzufangen. Ich hatte das Meiste bereits in allgemeinen Einführungen gelernt, die Übrigen verstanden nichts und wollten auch nichts verstehen. Wir sassen da, langweilten uns jeder auf seine Weise und versenkten auf dem Papier Schiffe. Bis plötzlich – als es so langsam in Richtung Mittelenglisch ging – uns der Dozent über die Christianisierung Englands erzählte. Normannische Bettelmönche seien, ohne etwas zu besitzen, nach England gefahren, predigten dort das Evangelium und lebten von dem, was die Leute ihnen gaben. Sie bekamen meist nur eines auf den Schädel und wurden vertrieben, gaben aber dennoch nicht auf. Trotz dieser Umstände war England eines Tages tatsächlich christlich – natürlich nicht nur wegen dieser Bettelmönche, aber immerhin auch. Auch damals habe ich viel über die Lilien auf dem Felde nachgedacht und die Vögel, die nicht säen und dennoch genug zu essen haben.

Wie ich heute so las und über die normannischen Missionare nachdachte, fiel mir plötzlich wieder ein Text von Peter Bichsel über die Lilien auf dem Felde ein. Bichsel schrieb:

«Etwas hat er vergessen in seinem Liliengleichnis, der Jesus von Nazareth – oder vielleicht hat es der Matthäus vergessen aufzuschreiben, nämlich, dass die Lilien ihre Schönheit erst im totalen Verblühen entfalten – dann, wenn ihre ersten Blätter fallen und alles nur noch eine Erinnerung an Schönheit ist.»
Peter Bichsel: Über Gott und die Welt. 2009.

Wir erinnern uns die Welt, färben sie um und übersteigern ihre Schönheit. Manchmal auch das Gegenteil. Währenddessen ich mit dem Vertreter des Bischofs reise und über den Gletscher, die Möwen auf den Vogelfelsen lese, weiss ich mittlerweile wieder, weshalb ich kein einziges brauchbares Gletscherbild besitze: Ich war so damit beschäftigt die Vogelfelsen zu fotografieren dass mir der Gletscher immer nur aus Versehen reinrutschte. In meiner Erinnerung war das Fotografieren anders. So erfreue ich mich an meinen Möwen, lese beim Laxness, dass der Gletscher für Bergsteiger furchtbar uninteressant sei, weil auf den ersten Blick langweilig und finde in diesem Punkt keine Überschneidung mit der Erinnerung. Ich erinnere mich, wie ich damals, als ich den Gletscher zum ersten Mal sah, als er aus dem Nebel auftauchte, ungläubig mit offenem Mund dastand und an Jules Vernes dachte.

Am Gletscher II

«Ich habe den Gletscher und natürlich die Lilien auf dem Felde: Sie sind bei mir, ich bin bei ihnen; aber vor allem der Gletscher. […] Früher, wenn ich müde war, freute ich mich darauf, abends vom Gletscher weg einzuschlafen. Ich freute mich auch darauf, morgens zu ihm hin aufzuwachen. […] Jetzt freue ich mich schon darauf, von diesem verantwortungsvollen Amt fort und in den Gletscher einzugehen.»

Der Gletscher schweigt und so schweigt auch der Gemeindepfarrer und liest keine Predigten. Die Kirche ist vernagelt (sie muss erst vom Pfarrer mit einem Zimmermannshammer aufgebrochen werden), verrottet langsam vor sich hin, die Stühle wurden schon längst zu Brennholz abtransportiert – die Winter sind eben hart, da musste der Pfarrer helfen. Der Predigtstuhl liegt – zu einem Brennholzbündel geschnürt – noch in der Kirche. Als der Bauer, dem er versprochen war, ihn holen wollte, kam der Frühling und er konnte sich anderswo Holz besorgen.

Der Pfarrer erzählt all das mit einer Selbstverständlichkeit, dass man den Eindruck bekommt, er könne gar nicht anders. Auch ist es für ihn völlig normal vor lauter Arbeit mit dem Pferdebeschlagen – auch die Pferde anderer Gemeinden oder Wildpferde brauchen seine Fürsorge – für seine menschlichen Schäfchen keine Zeit zu haben. Aber beschwert hat sich noch niemand. Wozu auch? Da ist der Gletscher über dem Dorf.

Frauen gibt es da, Frauen, die nie essen, nie schlafen, alles wissen, ganz wundervolle Frauen. Sie altern nicht, plötzlich verschwinden sie einfach. Auch der Pfarrer hallte einmal eine – eine Ua –, nur die Hochzeitsnacht wurde nie vollzogen – solche Frauen sind nur zum Anschauen da – bis sie ihm mit einem Freund davonging. Vielleicht bringt der Gletscher solche Frauen hervor. Geschieden ist er immer noch nicht, hat jetzt aber die Stösseldora.

Und erst die Intertextualität! Altbekannte treffe ich wieder, allen voran Jules Vernes und die Bibel. Der Vetreter des Bischofs als Forschungsreisender, der die Welt nicht versteht und der Pfarrer? Der Pfarrer als neuer Jesus vom Gletscher? Textbezüge weisen darauf hin und doch macht er vordergründig den Eindruck, sich nicht zu kümmern, alles verkommen zu lassen, einer zu sein, dem die Pferde und die Primuskocher wichtiger sind als die Menschen. Nichtmal seinen Lohn holt er sich ab. Dennoch gibt es bei näherem Hinsehen eine geistliche Fürsorge jenseits aller kirchlicher Vorstellungen. Der Gletscher regiert.

Am Gletscher

Da die Lesung von Felicitas Hoppe heute für mich regelrecht ins Wasser fiel, griff ich – sozusagen zur Kompensation – zum Gletscher von Laxness, mit dem ich seit über einem Jahr liebäugle.

Was würden Sie dazu sagen, wenn ich Sie bäte, nach Westen zum Gletscher zu fahren und an diesem weltberühmten Berg die grösste Untersuchung seit den Tagen Jules Vernes vorzunehmen? Ich bezahle nach Beamtentarif.

Der Vertreter des Bischofs fährt und berichtet – ganz objektiv natürlich, das Denken soll er dem Bischof überlassen – wie es um die Christenheit am Gletscher bestellt ist. Der Pfarrer beerdigt die Toten nicht, kümmert sich nicht um die Kirche und nun soll auch noch ein Toter auf den Gletscher geschafft werden, weiss der Bischof vom Hörensagen.

Der Gletscher ist für mich auch immer U, die sagte, am Gletscher könne man Island en miniature erleben, daraufhin ihr perlendes Lachen lachte und meinte, früher hätte man auch ohne Seilschaft auf den Gletscher gehen können. Heutzutage sei das leider nicht mehr möglich – wegen Klimaerwärmung und so – weswegen sie uns Bergunerfahrenen leider nicht den Hotpot oben am Gletscher zeigen könne. Aber wenigstens das Buch sollten wir lesen und Jules Vernes nicht alles glauben, was er da über den Gletscher als Eingang zum Mittelpunkt der Welt beschrieb. Der Laxness nämlich, der wisse viel besser, was es in Wahrheit mit dem Gletscher auf sich hat.

Wie ich so lese, überkommt mich die Lust, mir meine eigenen Bilder vom Gletscher vorzunehmen und stelle fest: kein einziges ist brauchbar. Auch ein Grund nächsten Sommer wieder hinzufahren, derweil reise ich mit dem Vertreter des Bischofs und lese von der Stösseldora, untrinkbarem Kaffee, einer Kirche, die auseinanderfällt und Unmengen von Kuchen. Ich bin gespannt.